The Jester Studies. Pt. 1: Der Joker im Kartenspiel

Was ist aber das Besondere an den Joker-Karten im Kartenspiel?

Der Joker ist die ultimative Kompatibilität. Der Joker kann alles sein…was immer die konkrete Situation erfordert. Der Joker an sich hat keine Form. Die Form wird ihm verliehen durch die Erfordernisse der jeweiligen Situation, sonst nichts. Die Clown-Figur, mit der die Funktion ”Joker” dargestellt wird, ist weniger eine Form als eine Variable, beliebig füllbar. Seine spezifische Qualität ist es, nichts zu sein und alles sein zu können.

Was macht diese Qualität aus dem Joker? Macht sie ihn gut oder böse?

Eine Joker-Karte ist per definitionem immer eine gute Karte. Die einzige Karte, deren Wert nicht durch die Situation bestimmt wird, weil es die Form ist, die durch die Situation bestimmt wird, und diese Bestimmung der Form naturgemäß meistens die Form wählen wird, die den höchsten Wert verspricht. (Ausnahmen sind denkbar. Zum Beispiel Langeweile könnte zu einer solchen Ausnahme führen. Dazu später.)
Der Joker ist also die einzige Karte, deren Wert nicht relativ ist – abhängig von anderen Karten, Spielverläufen, der eigenen Kompetenz und der Kompetenz der Mitspieler, von Zufällen. Der Wert der Karte wird absolut ”positiv” aus dem einzigen Grund, dass die Form relativ ist.

Relativ ist diesem Zusammenhang natürlich auch der Ausdruck ”gut” an sich. Alle bisherigen Ausführungen gehen selbstverständlich von der Perspektive desjenigen aus, der über den Joker verfügen, ihn sich zu Nutze machen kann. Für ihn wird der Joker eben per definitionem immer gut im Sinne von vorteilhaft sein. Für die anderen Spieler – im Regelfall, d.h. bei jedem Spiel, das von mehr als zwei Spielern gespielt wird, die Mehrheit – stellt der Joker, wenn er schon nicht per se schlecht im Sinne von nachteilig ist, zumindest immer eine potenzielle Gefahr dar, solange er sich im Spiel befindet.

In einem moralischen Sinne jedoch…ist der Joker gut oder böse?

Die Grundfrage ist doch, ob der Joker sich überhaupt in moralische Kategorien einordnen lässt. Dass er je nach Perspektive zwangsläufig immer einen vorteilhaften oder nachteiligen Charakter annimmt, hat nichts mit Moral zu tun. ”Was des einen Freud, ist des anderen Leid”, könnte man auch sagen, und damit nichts anderes als Relativität meinen.

In seiner spezifischen Funktion, jegliche Form beliebig annehmen zu können, entfaltet der Joker eine einzige Bedeutung für den Spielverlauf: Er schränkt die Planbarkeit des Spielverlaufs dramatisch ein. Die beste, logischste, strukturierteste Taktik ist in Gefahr, solange der Joker im Spiel ist. Denn Taktik baut auf Planung. Die Planung muss jedoch mit einer Variablen rechnen, einer Unbekannten, einer ”Ungewissen” – nämlich dem Zeitpunkt des Auftretens des Jokers, und, durch diesen Zeitpunkt bedingt, seine Form. Das ist die einzige Sicherheit: Dass der Joker auftauchen wird, und dass er in einer für die Mitspieler potenziell fatalen Form auftauchen wird. Da jedoch der Zeitpunkt – und damit die Form – unbestimmbar sind, wird der Spielverlauf durch das schiere Wissen um die Existenz des Jokers zu einem hohen Grade unplanbar und um ein vieles schwieriger zu beeinflussen.
Die Existenz des Jokers macht jede Spielsituation zu einer Multiple-choice-Situation. Verleiht dem Spiel die Dimension des Zufälligen.

Der Joker sorgt also für Unplanbarkeit, Kontrollverlust, Komplexität, Spannung, er zerstört Strukturen und führt Taktiken und Strategien ad absurdum. Was macht er also?
Der Joker schafft Chaos.
Die Frage nach der moralischen Qualität des Jokers führt unvermeidlich zu der Frage nach der moralischen Qualität von Chaos. (Dazu spaeter.)

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One Response to The Jester Studies. Pt. 1: Der Joker im Kartenspiel

  1. Gerwin says:

    Is a joker not equal to the court jester of the king ?

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