Er singt jetzt. Er lacht. Er schreit “Des gibts net!”


Heute, irgendwann in den frühen Morgenstunden, hat Ludwig Hirsch entschieden, sich aus einem Fenster des Wilhelminenspital zu stürzen. Warum? Das hat ein Freund auf Facebook gefragt. Ich glaube, die Antwort hat er selbst geschrieben…

Und wenn ich einmal genug hab’
und mir die Zähnd mit einer Black und Decker putz’
und mir Piranhas in’s Fußbad einehau,
merkt’s Euch, liebe Leut’, ich kann gehen, wann und wie ich will,
das geht Euch überhaupt nix an.

Natürlich hat er recht gehabt und es richtig gemacht. Ich denke einfach nach, wenn so etwas passiert. Erinnere ich mich daran, wie ich mit Ludwig Hirsch in Berührung kam. Eine Kassette, ich glaube, die Dunkelgrauen Lieder, die mein Onkel Hansi meiner Mutter überspielt hatte, nachdem mein Vater gestorben war. Von der mich besonders “Die Spur im Schnee”, “1928” (“die fremden, hochgewachsenen Wesen, die auf die Erde kommen”, “der Tag an dem die Mickymaus geboren wurde”) und “Die gottverdammte Pleite” fasziniert haben weil sie so schön klangen und ich nichts davon verstand. Mehr als 20 Jahre und ein Germanistikstudium später ist das noch immer so.
Dann gab es eine andere Kassette, mit gelbem Aufkleber, die Herbert, mein Stiefvater, uns irgendwann schenkte, mit “Gelsen”, “Motorradlfoan”, “Schick di doch söba deiner Freindin in am Packl”, “Herbert”, “In da Köllagossn”, “Tante Marie” die mein Bruder Simon und ich sehr lustig fanden, und irgendwie trotzdem verstanden, dass sie nicht nur rein lustig waren. Einige diese Lieder hatten etwas von Zeichentrickfilmen – man amüsiert sich darüber, wie jemand auf eine besonders komische Art stirbt.
Das alles waren die frühen 1990er-Jahre. Dann war einmal Pause rund um Ludwig Hirsch. Die Kelly Family, Nirvana, Tori Amos , damit schlug ich mich herum. Erst in den ersten Jahren meines Studiums in Graz tauchte der Name Ludwig Hirsch wieder auf. Als meine Freundin Lisi mir von einem Heim-Mitbewohner erzählte, der so wunderschön “Komm großer schwarzer Vogel” singen konnte. Daraufhin kaufte ich mir beim Kastner & Öhler” zwei CDs, “Tierisch” und ein “Best of” und genoss. Diese CDs fand Jahre später mein anderer Bruder, Jakob, einer, der etwas von Musik und von Poesie versteht, und er liebte sie.

Ja, seither habe ich immer wieder, wenn ich Zeit und Muße hatte, mich zu konzentrieren, eine der CDs angehört. Besonders in Erinnerung behalten das Gefühl beim Hören von “Der Dorftrottel ” , “Der Elefant” und “Bitter”.

Einmal, 2008, war ich mit einem ganz besonderen Menschen zusammen. Und ich schrieb ihm eine Geschichte. Diese Geschichte war nichts anderes als eine Interpretation von “1928”.

Letzten Sommer hatte ich noch ein Ludwig Hirsch-Erlebnis. Ich hatte für mich selbst ein Projekt gestartet – wollte jeden Tag einen unkonventionellen Ort in einem Wiener Bezirk besuchen, vom 23. hinunter bis zum ersten. Am 3. Tag fuhr ich im 21. Bezirk zum Stammersdorfer Friedhof. Mit Ludwig Hirsch im iPhone. Es regnete, und die Füße taten mir weh.

Lustigerweise verbinde ich viele der Lieder mit Ungarn. Ich weiß auch warum. Die “gelbe” Kassette hatten wir dabei, als wir – ich war damals noch in der Volksschule – ein paar Tage in Esztergom Urlaub machten.

Es ist schade um Ludwig Hirsch. Ich hätte gerne einmal ein Konzert von ihm gesehen. Aber gleichzeitig ist er ein Künstler, den man gehen lassen muss. Er hat sich dafür entschieden. Er wusste, warum. Und er wusste besser als viele andere Leute, worauf er sich einlässt, wenn er stirbt, weil er mehr als viele andere Leute darüber nachgedacht hat.

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About Sophie Lenz

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